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  • Mehr als eine Anthropologie der Krise. Eine Festschrift zur Würdigung von Gisela Welz
    Bd. 87 Nr. 1 (2026)

    Gisela Welz hat sich in ihrem langjährigen wissenschaftlichen Schaffen stets mit zentralen Themen der Kulturanthropologie und Europäischen Ethnologie auseinandergesetzt. Stadt, Umwelt, Wissen, Globalisierung, Europäisierung – das sind nur einige der großen Schlagwörter, zu denen ihr Werk spricht. In der Auseinandersetzung mit diesen Themen zeugt ihre ethnografische Arbeit von einer besonderen Sensibilität für jene Momente, in denen sich das Alltägliche und Unscheinbare an den Auswirkungen großer Veränderungen reibt. Ihre Arbeiten berühren ein Spannungsfeld, das sich aus unserer Sicht treffend als „Mehr als eine Anthropologie der Krise“ beschreiben lässt: Transformation, Disruption, Prekarität, umkämpfte Ressourcen (was wir heute oft als Krisen bezeichnen oder empfinden) waren für sie stets ein zentrales Motiv der Aushandlungen der Menschen, deren Lebensrealitäten sie erforschte. Jedoch diente der Begriff der Krise ihr nie als analytischer Ausgangspunkt. Vielmehr verfolgte sie aufmerksam, als er sowohl wissenschaftlich („Krise der Repräsentation“) als auch politisch an Bedeutung gewann, etwa als Legitimation tiefgreifender Veränderungen in Zypern nach der Finanz- und Weltwirtschaftskrise 2008. In der Rückschau auf Gisela Welz’ bedeutendes Werk schließen wir an einige ihrer Fragen an und greifen sie für eine Auseinandersetzung mit dem „Mehr der Krise“ auf: Was genau geschieht, wenn Phänomene, Konstellationen und Erfahrungen als krisenhaft gerahmt werden? Wie durchleben Menschen Wandel und Beständigkeit zugleich? Wie lassen sich politische Regulierung und lokale Aneignungspraktiken in ihrer Widersprüchlichkeit in den Blick nehmen? Welche Machtverhältnisse kommen zum Tragen, wenn bestimmte Zustände als Krise konstruiert werden? Welche Realitäten produziert die Rede von der Krise selbst?  

    Die Beiträge dieser Festschrift knüpfen an diese Fragestellungen an und loten aus, was es bedeutet, Krise als machtvolles Deutungsmuster oder als gelebte Erfahrung zu begreifen. Allen Autor:innen dieser Festschrift gemeinsam ist das Vertrauen in das, was Gisela Welz’ Arbeit auszeichnet: ein Gespür für die unordentlichen, widersprüchlichen Prozesse des Wandels als Erkenntnisquellen – und die Überzeugung, dass Ethnografie gerade dort einen unschätzbaren Beitrag leisten kann, wo vermeintliche Gewissheiten brüchig werden. Vor allem plädieren die Beiträge dafür, dass ethnografische Forschung sich einmischen und gemeinsam mit Partner:innen auch außerhalb der Disziplin und der Akademie Maschen für solidarische Netze knüpfen muss. Diese Festschrift ist daher mehr als ein Rückblick auf ein wegweisendes Werk: Sie ist eine Einladung, mit Gisela Welz weiterzudenken. Wie kann eine Anthropologie aussehen, die in unruhigen Zeiten nicht resigniert, sondern weiterhin beobachtet, diskutiert und mitgestaltet? 

    Kartmann, Timotheus, Martina Klausner, Ingmar Lippert und Timo Roßmann (Hgs.) (2026): Mehr als eine Anthropologie der Krise. Eine Festschrift zur Würdigung von Gisela Welz. Kulturanthropologie Notizen 87.

  • Ethnografisch Forschen mit Klasse. Diskussionsbeiträge zur Produktion und Erfahrung einer vernachlässigten Strukturkategorie
    Bd. 86

    Klasse ist eine wirkmächtige Strukturkategorie und Erfahrungsgröße sozialer Ungleichheit, die sich in Alltage und Alltägliches einschreiben kann. In diesem Zuge berührt sie auch die ethnografische Forschungspraxis. Sei es in der Art und Weise, in der Forschende sich und die Erfahrungen, die sie machen, klassenbewusst einordnen und artikulieren, oder sei es die Frage, zu welchen theoretischen und empirischen Klassenbegriffen sie greifen. Dieses Heft schließt sich an jene Debatten an und erweitert sie. Es versammelt Beiträge, in denen Forschungserfahrungen in und biografische Zugänge zu Feldern sozialer Ungleichheit durch eine klassenanalytische Brille interpretiert werden. Die Autor:innen widmen sich Mobilitätserfahrungen im akademischen Betrieb und in Forschungsfeldern. Sie machen dekoloniale und feministische Ansätze für eine klassensensible Perspektive auf eigene Forschungserfahrungen zugänglich, befragen kontroverse Begriffe und Konzepte von Klasse und Klassismus auf ihre Implikationen für eine differenzierte Bezeichnungspraxis und erproben, wie die eigene Klassenposition und -herkunft affirmativ in den Vordergrund gerückt zu einer spezifischen epistemischen Innensicht beitragen kann.

    Gaillinger, Felix und Anna Klaß (Hgs.) (2024): Ethnografisch Forschen mit Klasse. Diskussionsbeiträge zur Produktion und Erfahrung einer vernachlässigten Strukturkategorie. Kulturanthropologie Notizen 86.

  • Digital[ität] Ethnografieren. Forschungsmethoden für den digitalen Alltag.
    Bd. 85

    Digitale Technologien und Verfahren fordern ethnografische Forschung und ihre Methoden auf vielfältige Weise heraus. Nicht nur die Felder, in denen Ethnograf:innen forschen, sind längst durchzogen von der Allgegenwärtigkeit des Digitalen, auch die eigene Forschungspraxis greift selbstverständlich auf digitale Tools und Verfahren in der Datenerhebung und -analyse zurück. Und selbst konventionelle ethnografische Methoden wie Teilnehmende Beobachtung, Feldnotizen, Interviews und Dokumentenanalyse verändern sich unter Bedingungen des Digitalen. Dieser Band der KA Notizen versammelt Beiträge, die Vorschläge dafür machen, wie sich sowohl digital ethnografieren als auch Digitalität ethnografieren lässt. Fest verankert in der Tradition ethnografischer Forschung, stellen die Beiträge hands-on Beispiele, kritische Reflexionen und praktische Tipps vor, die sich gerade auch für die Lehre gut einsetzen lassen. Dabei stehen Themen im Fokus wie die Teilnehmende Beobachtung auf YouTube, die Social-Media-Ethnografie, die Untersuchung von Computercode als Teil ethnografischer Forschung oder auch Forschungsdatenmanagement und Nachnutzung von Forschungsdaten. Außerdem liegt der wegweisende Text Rethinking Digital Anthropology von Tom Boellstorff in dieser Ausgabe erstmalig für Interessierte auf Deutsch vor.

    Eckhardt, Dennis & Martina Klausner (Hgs.) (2023): Digital[ität] Ethnografieren. Forschungsmethoden für den digitalen Alltag. Kulturanthropologie Notizen Band 85.

  • Beteiligt Euch! Studentische Beiträge zu den Erfahrungen mit und Formatierungen von Partizipation
    Bd. 84

    Die Aufforderung sich zu beteiligen sowie die Forderung beteiligt zu werden sind mittlerweile in vielen gesellschaftlichen Bereichen allgegenwärtig und zu einem Imperativ der Gegenwart geworden. Menschen fordern, dass ihre Sichtweise, ihre Expertise in Entscheidungsprozessen berücksichtigt wird oder werden aufgefordert sich in entsprechende Gestaltungsprozesse einzubringen. Was es dabei in der Praxis bedeutet, sich zu beteiligen, kann unterschiedliche Formen annehmen und unterschiedliche Erfahrungen produzieren. Beteiligungsprozesse sind dabei nicht nur kulturanthropologischer Forschungsgegenstand, sondern berühren zugleich grundlegende methodologische Fragen einer Wissenschaft, die Teilnehmende Beobachtung als Kern ihrer Erkenntnisproduktion versteht. Die vier Beiträge in diesem Band, die im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main entstanden sind, stellen unterschiedliche Beteiligungsprojekte und Kontexte vor. Sie nehmen uns mit auf den Schulhof, in ein klinisches Forschungsprojekt, ins Museum und zu einem feministischen Kollektiv in Uruguay. Eng an den Erfahrungen derjenigen, die sich beteiligen, arbeiten die Beiträge heraus, was Beteiligung ermöglicht, aber auch Grenzen setzt, und wie die Akteur:innen mit den entstehenden Spannungsverhältnissen umgehen.

    Klausner, Martina (Hg.) (2023). Beteiligt Euch! Studentische Beiträge zu den Erfahrungen mit und Formatierungen von Partizipation. Kulturanthropologie Notizen 84.

  • Interventions with/in Ethnography
    Bd. 83

    Interventionen sind ein wesentlicher Bestandteil ethnografischer Feldforschungspraxis. In dieser Ausgabe diskutieren wir Interventionen mit, in und innerhalb ethnographischer Forschung und als spezifisches methodisches Verfahren. Die Beiträge in dieser Ausgabe der Kulturanthropologie Notizen geben Einblicke in die Praxis des Intervenierens in verschiedenen Bereichen wie der globalen Lebensmittelindustrie, dem Bergbau, oder der Sozialpsychiatrie und diskutieren die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf unsere eigene Forschungspraxis. Darüber hinaus wird die Kulturanthropologie als eine Veränderungswissenschaft diskutiert, die neue Konzepte benötigt, um den grundlegenden gesellschaftlichen Transformationen, die durch weitreichende digitale Informationssysteme und dem Aufstieg globaler Datenökonomien angestoßen werden, zu begegnen. Die Autor:innen reflektieren verschiedene experimentelle und kollaborative Formate während der Forschung und deren epistemische Auswirkungen. Die Beiträge der Ausgabe legen offen, wie dadurch Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden können, wie Interventionen das Potenzial haben, dominante Formen der Wissensproduktion zu verändern, und es ermöglichen, ethnografische Forschung neu zu denken und zu praktizieren. In diesem Sinne lädt das Heft die Leser:innen dazu ein, sowohl die Auswirkungen ethnographischer Interventionen in unseren Forschungsfeldern nachzuvollziehen, als auch das Veränderungspotenzial dieser Interventionen für die ethnographische Wissensproduktion ernst zu nehmen.

    Eitel, Kathrin, Laura Otto, Martina Klausner, Gisela Welz (eds.), Interventions with/in Ethnography. Experiments, Collaborations, Epistemic Effects. Kulturanthropologie Notizen 83.